„Ganz ohne Kernkraft wird es in Zukunft für uns schwer“, betonte Hoekstra nüchtern gegenüber der Welt am Sonntag. Klar, es gibt Risiken und Debatten, doch der Niederländer, vorher Finanz- und Außenminister, sieht keinen Weg an ihr vorbei – jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Seine Argumentation ist gewissermaßen ein Mix aus Pragmatismus und Sorge um Europas wirtschaftliche Stärke: Mehr Elektrifizierung, davon verspricht er sich nicht nur Klimaschutz, sondern auch eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und – fast schon ein Zauberwort in politischen Reden – Resilienz. So richtig einig werden sich die Mitgliedsstaaten bei dem Thema sicher nicht. Aber Hoekstra bleibt dabei: Kernenergie plus mehr Erneuerbare und Batterien könnten helfen, die oft beklagten Endenergiepreise tatsächlich zu senken.
Was die politischen Instrumente betrifft, setzt er auf den Emissionshandel, der Sektoren wie Verkehr und Gebäude auf EU-Ebene einbeziehen soll (ETS2). Osteuropa hat allerdings ein Veto eingelegt und den Start um ein Jahr aufgeschoben – aus Angst vor steigenden Kosten beim Heizen und Tanken. Und dennoch glaubt Hoekstra: Das System kommt, und die Industrie setzt sowieso schon immer mehr auf Elektrifizierung – auch weil sie quasi von außen dazu gedrängt wird. Bei all der Euphorie merkt man: Ganz rund ist die Sache noch nicht, dafür hängt einfach zu viel vom weiteren politischen Kurs ab.
Wopke Hoekstra fordert mehr Atomkraft in der EU – das Statement polarisiert, denn in weiten Teilen Europas wird die Technologie kontrovers diskutiert. Für viele Staaten ist Atomenergie nach wie vor ein rotes Tuch, gerade in Deutschland oder Österreich gibt es viel Widerstand. In Frankreich dagegen ist Kernkraft fester Teil der nationalen Identität und wird als Klimaretter verteidigt. Die Sicherheit alter Reaktoren, ungelöste Endlagerfragen und die Kosten neuer AKW werfen weiterhin Fragen auf, aber durch die Energiekrise und den Drang nach Unabhängigkeit zieht die Debatte neue Kreise. Nicht zuletzt, weil China und die USA massiv investieren, geraten europäische Ziele unter Druck. Atomkraft wird immer mehr zum Zankapfel zwischen schneller Klimaneutralität, Energiekosten und dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung.