Manchmal sind es eben nicht die Stradivaris, sondern das, was andere achtlos wegwerfen – Glasflaschen, kaputte Plastikteile, hässliche alte Kaffeekapseln –, das einen zum Staunen bringt. Gerade wenn jemand wie Vivi Vassileva darauf loslegt und, begleitet vom SWR Symphonieorchester, aus scheinbar Gebrauchtem Musik zaubert. Gregor A. Mayrhofer, der seinen Taktstock und seine Vision 2019 bis 2021 in dieses Stück gegossen hat, steht bei der Aufnahme im März 2025 persönlich am Pult. Dabei wird das Orchester zur Klangwerkstatt: Marmeladengläser scheppern, Plastikflaschen geben seltsam warme Töne von sich; es raschelt, flackert und schimmert in allen Farben.
Mayrhofer geht mit seinem 'Recycling Concerto' aber weiter als bloßes Soundexperiment. Die Idee: Nachhaltigkeit soll nicht nur transportiert, sondern regelrecht verkörpert werden. Wo andere nach Highend-Klangkörpern suchen, feiert Mayrhofer absichtlich das Banale und Zweckentfremdete. So wird eine PET-Flasche zum Solisten, ein Kronkorken klappert mit dem Orchester um die Wette, während Kaffeekapseln in Handarbeit zu feinen Windspielen reifen. Der Clou – vieles davon, was als 'Schrott' gilt, wird im Konzert zum poetischen Material und im auffälligen Finale nahezu hymnisch zurückgeführt.
Filmisch umgesetzt wird das ganze Projekt mit dem SWR zu einem Erlebnis, das die Zuschauer – fast wie ein Chirurg – mitten in den Entstehungsprozess der Klänge eintauchen lässt. Die Kamera zoomt auf Finger, die Plastik zusammendrücken oder wie Streichbögen Alltägliches streichen. Dadurch wirkt das Konzert nicht nur akustisch, sondern auch visuell wie ein Labor für Zukunftsmusik.
Interessanterweise hat das Stück schon eine weltweite Reise hinter sich, wurde von Orchestern aus Norwegen bis Italien aufgeführt, wobei die eigenwillige Flaschen-Kadenz immer wieder in den sozialen Medien Wellen schlägt. Die Tonaufnahme erscheint zudem auf recyceltem Vinyl, was das Thema Nachhaltigkeit konsequent weiterdenkt. Produziert von der Wiener Manufaktur PHONOCUT – jede Platte ein Unikat, geschnitten aus Meeres-Plastik.
Hinter dem Werk stehen musikalische Freigeister: Der Komponist Mayrhofer, nun Chef des Hidalgo Festivals und international gefragter Dirigent, der mit Stücken wie dem 'Insect Concerto' experimentierfreudig ist. Und Vassileva, die in der Welt des modernen Schlagzeugs zu den Innovativsten zählt. Flankiert wird das Ganze von der exquisiten Musizierkunst des SWR Symphonieorchesters, das unter Leitung von François-Xavier Roth seit 2025/26 auch international prägt.
Die Produktion, redaktionell geführt von Nanna Schmidt und gefilmt von einem mehrköpfigen Team, hat eine knackige Länge von 39 Minuten und ist ab 2026 überall dort zu sehen, wo die ARD ihre Klassik-Fans sammelt.
Das 'Recycling Concerto' bricht mit Konzertkonventionen, indem es ganz alltäglichen Müll zum Herzstück musikalischen Schaffens macht. Instrumente wie gestimmte Plastikflaschen oder Marmeladengläser erzeugen nicht nur ungehörte Klänge, sondern erlauben auch eine ganz neue Perspektive auf Musik, Nachhaltigkeit und Kreativität. Die internationale Resonanz, die das Werk hervorgerufen hat – sowohl im klassischen Konzertbetrieb als auch in modernen Medien –, spricht für ein gesteigertes Bedürfnis nach ökologischer und künstlerischer Innovation inmitten gesellschaftlicher Herausforderungen.
Aktuell stehen Nachhaltigkeit und Umweltschutz zunehmend auch im Fokus der Kulturszene. Künstler und Institutionen setzen mehr und mehr auf Recycling und Upcycling, sowohl bei Aufführungen als auch bei der Produktion von Tonträgern und Instrumenten. Inzwischen werden verstärkt Musikfestivals oder Konzerte nach ökologischen Prinzipien ausgerichtet – etwa mit wiederverwendbarem Bühnenmaterial, nachhaltiger Energieversorgung oder gezielten Aktionen für Müllvermeidung. Diese Entwicklung passt zum Zeitgeist, der die klassische Musikszene offener für gesellschaftlich relevante und manchmal provokante Themen macht. Gleichzeitig bleibt das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Kommerz bestehen; wirtschaftlicher Druck steht oft im Widerspruch zu radikal nachhaltigen Ansätzen. Dennoch: Projekte wie das 'Recycling Concerto' zeigen, wie künstlerisches Engagement konkrete Veränderungen anstoßen kann – und dass sich das Publikum inzwischen Musik wünscht, die nicht nur unterhält, sondern auch Haltung zeigt.