Axel Bethe, der Vorsitzende des Vereins der Kohlenimporteure, brachte jüngst einen Vorschlag, der zugleich pragmatisch und umstritten ist: Rund sieben Gigawatt an alter Steinkohlereserve wären kurzfristig verfügbar, um– so sagt er– ein Zehntel der Stromnachfragespitzen zu decken. Mehr Kapazität bedeute seiner Überzeugung nach auch weniger Preisdruck und spare wertvolles Gas, das andernorts gebraucht wird – etwa in Industrie und Wärmesektor. Der Kohlevorschlag stößt bei Kraftwerksbetreibern auf offene Ohren, Steag-Chef Andreas Reichel betont: Viele Betreiber stünden quasi in den Startlöchern, da sie den sogenannten „kurzfristigen Markteinsatz“ als notwendige Entlastung sehen. Der Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD sieht immerhin die Möglichkeit vor, solche Kraftwerke nicht nur zum Abwenden akuter Engpässe, sondern auch aktiv zur Preisstabilisierung einzusetzen.
Aus dem Bundeswirtschaftsministerium kommt jedoch deutlich weniger Enthusiasmus. Einerseits wird der Auftrag aus dem Koalitionsvertrag geprüft, andererseits verweisen Beamte auf echte Hürden: Nicht nur sei der technische Wiedereinstieg teuer und komplex, auch rechtliche Barrieren – insbesondere EU-Beihilferecht – könnten dem schnellen Aktivieren von Reserveblöcken ein Ende bereiten. Die existierende Kapazitätsreserve besteht obendrein hauptsächlich aus Gaskraftwerken, die als Preispuffer derzeit wenig taugen, da ihre Aktivierung Gas verbraucht. Und auch unter den Netzreserven sind viele Kohlekraftwerke längst für den Redispatch gebunden – das heißt, ihr Spielraum ist knapper als es scheint. Viele dieser Anlagen sind überdies verwittert, wenig effizient und schlicht teuer im Betrieb.
Die Kohle-Lobby sieht das deutlich anders: Bethe meint, selbst ältere Blöcke könnten sehr wohl unter 120 Euro pro Megawattstunde liefern, so dass sie Gas- und sogar manch modernen LNG-Kraftwerken überlegen wären – auch klimatisch betrachtet sei Kohle nicht schlechter gestellt als Flüssiggas. Steag-Chef Reichel schlägt in dieselbe Kerbe und hält die Debatte für eine Frage des politischen Willens und des Willens zur Flexibilität: Wer Systemstabilität will, muss Preisdruck senken, findet er. Das Ganze klingt ein bisschen so, als wolle die Kohleindustrie noch einmal auf den letzten Drücker mitmischen, Lösungen liefern – aber nicht nur fürs Klima, sondern vor allem für den eigenen Fortbestand.
Die Debatte um den vorübergehenden Wiedereinsatz von Reserve-Kohlekraftwerken hat in den letzten Tagen an Fahrt aufgenommen, da nicht nur steigende Gaspreise, sondern auch der Ukrainekrieg sowie die Lage im Iran die Preise treiben (vgl. aktuelle Berichte z.B. von der Süddeutschen Zeitung und ZEIT Online). Während Branchenvertreter vorrechnen, dass Kohlekraftwerke kurzfristig günstiger Strom liefern könnten, warnen Experten wiederholt vor den Risiken für Klima und Netzstabilität. Tatsächlich machen die komplizierte Rechtslage, hohe Kosten und der schlechte technische Zustand vieler Altanlagen eine schnelle Lösung unwahrscheinlich – das bestätigt auch eine Vielzahl aktueller Analysen großer Tageszeitungen, die sich einig sind, dass ein echter Gamechanger nicht in Sicht ist.