Wenn Berufsgenossenschaften von Gefahrtarifen sprechen, klingt das auf den ersten Blick nach kalter Bürokratie, aber tatsächlich regeln diese Zahlenwerke, wie viel Unternehmen zur Absicherung ihrer Beschäftigten beitragen müssen. Die BG ETEM gliedert ihre Mitgliedsbetriebe – über 200.000 an der Zahl, ziemlich viele, ehrlich gesagt – in sogenannte Gefahrtarifstellen, je nachdem, wie hoch die Unfall- und Krankheitsrisiken dort sind. Das Prinzip dahinter: Wer weniger Unfälle baut, zahlt weniger. Überholt sich also der technische Fortschritt oder verändert sich das Unfallgeschehen, muss der Tarif alle sechs Jahre auf den Prüfstand.
Interessant: Besonders bei den Betrieben, die Elektroinstallationen durchführen, wird jetzt weniger sorgfältig unterschieden, ob es sich um Groß- oder Kleininstallation handelt. Aus zwei wird eins, was – ehrlich gesagt – in Zeiten, wo sich Projekte kaum mehr sauber trennen lassen, irgendwie logisch erscheint. Die Gefahrklasse sinkt auf 9,07, also etwas günstiger für die Mitgliedsbetriebe.
Beim Textilen Service sieht es dagegen anders aus: Wer bislang im Bereich Textil tätig war, rutscht nun zur Gefahrtarifstelle Wäscherei und damit erhöht sich die Gefahrklasse auf 6,28 – ist wohl eine ehrlichere Einschätzung des realen Risikos.
Und die Fotografen? Sie waren bisher als Papierverarbeiter unterwegs, doch die Digitalisierung dreht auch hier alles um. Jetzt sind sie (endlich) eine eigene Gefahrtarifstelle – klingt fast nach Emanzipation. Die Gefahrklasse der Fotografie liegt bei 3,40.
Irgendwie charmant: Nach dem dritten Jahr gibt’s für alle Mitgliedsbetriebe einen satten Beitragsnachlass von 18 Prozent, wenn sie unfallfrei bleiben – so kostet Sicherheit also weniger. "Unfälle vermeiden zahlt sich sofort aus", sagt Jörg Botti von der BG ETEM, und ehrlich: Das klingt überraschend direkt.
Hinter all dem steckt eine Organisation, die in der deutschen Arbeitswelt nicht wegzudenken ist und vier Millionen Beschäftigte im Blick hat. Prävention, Absicherung, Haftung, – irgendwie eine Versicherungslogik, die man nicht auf den ersten Blick durchschaut. Aber vielleicht ist genau dieses System der unsichtbare Rückhalt für viele Berufstätige.
Die BG ETEM hat nach längerer Vorarbeit in einer Vertreterversammlung einen neuen Gefahrtarif verabschiedet, der ab 2027 greift und erstmals im Jahr 2028 für Beitragsberechnungen herangezogen wird. Die Anpassungen betreffen vor allem die Bereiche Elektrotechnik, Textil und Fotografie, deren Einstufungen an veränderte Risiko- und Arbeitsrealitäten angepasst wurden. Überdies bekommen Betriebe mit wenigen Unfällen einen Beitragsnachlass, was das System stärker auf Prävention ausrichtet – diese Entscheidung verzahnt Sicherheitsanreiz mit finanziellen Vorteilen.
Aktuelle Entwicklungen und weitere Informationen:
- Nach Recherchen berichtet die FAZ aktuell über die Herausforderungen bei der Umsetzung neuer Vorschriften im Arbeitsschutz, wobei der Gefahrtarif als wichtiges Werkzeug für Fairness zwischen Branchen hervorgehoben wird. Die zunehmende Digitalisierung – gerade bei Berufen wie Fotografie – zwingt Berufsgenossenschaften dazu, schneller auf neue Berufsbilder zu reagieren und Gefährdungen realistisch zu bewerten.
- In einem Artikel der Süddeutschen werden die steigenden Kosten für Berufskrankheiten angesprochen, insbesondere durch neue Arbeitsplatzrisiken. Hier rücken auch psychische Belastungen immer mehr in das Blickfeld der Unfallversicherungsträger und könnten mittelfristig Einfluss auf künftige Gefahrtarife haben.
- Laut taz gewinnt die Diskussion um transparente Beitragssysteme an Bedeutung, da zahlreiche Betriebe regelmäßig Anpassungen fordern, die ihre individuellen Unternehmensrisiken besser abbilden. Besonders kleine Unternehmen fühlen sich häufig benachteiligt und drängen auf mehr Flexibilität bei der Beitragsgestaltung.