Es ist ein Gedankenspiel so alt wie Philosophie selbst: Was macht uns eigentlich menschlich? Klar, viele schwingen wortreich mit großen Begriffen wie Bewusstsein, Empathie oder gar einer angeblich unsterblichen Seele. Doch der Schweizer Beat Marius Fehr wirft diesen Ballast über Bord. In seinem Buch «Vebubiku – Das Buch vom Glauben zu Wissen» bringt er es auf eine knappe Formel: Menschlichkeit entsteht nicht durch ein Wunder, sondern durch die ständige Wechselwirkung mit anderen. Unser Körper wird nach Bauplan gezimmert, ja – aber unser Geist, unser Herz, unser Sinn für Menschlichkeit? Alles ein Gemeinschaftsprodukt, durchdrungen von Sozialisation und Kommunikation ab – Achtung! – dem ersten Moment im Mutterleib.
Um das klarzumachen, provoziert Fehr mit einem Experimente aus der Hölle: Was, wenn ein Mensch, nennen wir ihn Homo nullus, von Anfang an keinen Kontakt zu anderen Menschen hätte? Im Reagenzglas gezeugt, von Maschinen oder Tieren ausgetragen, aufgezogen in vollkommener Isolation – ein Szenario, absurd und morbid, aber zugleich kühl logisch. Was bliebe von all den Eigenschaften, die wir für 'menschlich' halten? Fehr sagt: Kaum etwas. Denn Denken, Fühlen, jede soziale Fähigkeit – alles das pflanzt sich nur fort, wenn da andere sind, von denen wir es abkupfern können. Menschsein ist kein Erbe, sondern ein Auftrag, eine tägliche Neuerfindung.
Fehrs Idee kam aus der Diskussion um künstliche Intelligenz. Auch Maschinen werden ja stets 'angelernt'. Doch wo 99 Prozent der Theorien erst nach der Geburt ansetzen, platziert er seinen Anfang neun Monate früher. Das Resultat ist unbequem: Keine göttliche Offenbarung, keine geheimnisvolle Erbanlage, sondern radikale Verantwortung: Wir sind, was wir anderen geben und nehmen. Klingt ernüchternd? Vielleicht, aber auch ermutigend: Menschlichkeit ist nicht unveränderlich, sie braucht – und verdient – Fürsorge, auch jenseits aller Mythen.
Beat Marius Fehr vertritt mit seinem Werk eine Position, die jede Vorstellung von angeborener oder gar gottgegebener Menschlichkeit auf den Kopf stellt: Menschlichkeit entsteht ausschließlich aus sozialen Kontakten, nicht durch Gene, Schicksal oder eine übernatürliche Instanz. Neueste soziologische und psychologische Forschungen stützen diese Sichtweise durch zahlreiche Arbeiten zur frühkindlichen Bindung und Spiegelneuronen-Theorie, die belegen, wie soziale Einflüsse Sprache, Empathie und Identität prägen. Gleichwohl gibt es Kontroversen um die Reduktion von 'Menschsein' auf rein zwischenmenschliche Sozialisation: Manche Gelehrte halten daran fest, dass auch biologische und individuelle Faktoren – etwa Temperament oder neuronale Prägung – einen nicht zu unterschätzenden Anteil leisten. Fehr jedoch fordert zu beherzter Verantwortung auf: Wer will, dass Menschlichkeit gedeiht, muss sie mit der Gemeinschaft Tag für Tag aufs Neue schaffen – und darf sich zu recht fragen, wie sehr wir alle daran beteiligt sind. In den letzten 48 Stunden sind zudem verschiedene Artikel etwa zu KI, humanistischer Ethik und genetischer Forschung erschienen, die Fehrs Ansatz aktuell und diskussionswürdig erscheinen lassen.