Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist momentan so voll wie nie. Immer mehr Menschen sind erwerbstätig, nicht nur absolut, sondern auch als Prozentsatz der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Laut Bernd Fitzenberger, dem Chef des IAB, stimmen pauschale Behauptungen, die Deutschen würden immer weniger arbeiten, schlichtweg nicht. 'Das Gegenteil ist der Fall: Wir verzeichnen derzeit die höchste Anzahl geleisteter Arbeitsstunden überhaupt', betonte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er sieht die Notwendigkeit, um die hohe Beschäftigung und Wohlstand zu sichern: weniger Auswanderung, mehr ältere Beschäftigte und höhere Arbeitszeiten bei Frauen.
Gleichzeitig warnt Fitzenberger davor, das Recht auf Teilzeitbeschäftigung einzuschränken. 'Unsere Forschung zeigt: Wird Teilzeit erschwert, bedeutet das nicht automatisch mehr Arbeitsstunden insgesamt. Solche Maßnahmen können sogar nach hinten losgehen, wie Frankreichs Beispiel mit einer Mindestwochenarbeitszeit von 24 Stunden zeigt – das hat dazu geführt, dass weniger Frauen erwerbstätig waren.' Auch gegen einfache Kritik an der Viertagewoche spricht er sich aus. Besonders für junge Eltern könne eine sogenannte vollzeitnahe Teilzeit – etwa wenn beide Partner 25 bis 30 Stunden an vier Tagen arbeiten – ein konstruktives Modell sein. 'Das hält die Verbindung zum Arbeitsmarkt und kann langfristig sogar produktiver sein als das Ein-Vollzeitverdiener-Modell', so Fitzenberger. Mit anderen Worten: Die Rezeptur für den Arbeitsmarkt von morgen braucht Vielfalt statt starre Regeln. Und vermutlich auch immer wieder neue Debatten, an denen sich Politiker und Forschende freundschaftlich reiben.
Die Arbeitsleistung der Deutschen befindet sich aktuell auf einem Rekordniveau. Laut IAB-Direktor Fitzenberger ist die Zahl der Erwerbstätigen sowie die Summe der geleisteten Arbeitsstunden höher als je zuvor. Um diese Entwicklung aufrechtzuerhalten, empfiehlt er zum Beispiel mehr Zuwanderung, eine größere Einbindung von älteren Arbeitnehmern und eine Steigerung der Arbeitszeiten von Frauen.
Neuere Recherchen und Medienbeiträge ordnen das Thema breit ein: Der Streit um eine gefühlte Arbeitszeitkrise spiegelt sich in der öffentlichen Debatte wider, wobei Statistiken die Annahmen mancher Politiker widerlegen. Viele Expert*innen zufolge profitieren Unternehmen und Beschäftigte von flexiblen Modellen und der Möglichkeit, Arbeitszeit individuell zu gestalten. Die Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel wirken als zusätzliche Kräfte auf den Arbeitsmarkt und bringen neue Herausforderungen – wie den Umgang mit Fachkräftemangel, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Integration von Migranten. Interessanterweise zeigen internationale Vergleiche, dass nicht allein die Wochenarbeitszeit über Produktivität oder Wohlstand entscheidet, sondern das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass sich der Arbeitsmarkt gerade neu erfindet – und jeder seine eigene Geschichte dazu beitragen könnte.