Es ist schon fast ein Ritterschlag für dieses Thema, dass der Bundestag die Reform der Organspende erneut auf die Tagesordnung setzt. Stefan Schwartze, SPD-Mann und Patientenbeauftragter, bringt es auf den Punkt: Die Zeit eines ernsthaften Umdenkens sei schlicht überfällig. Alle Aufklärungskampagnen dieser Welt – so seine ernüchternde Bilanz – bringen eben nichts, wenn am Ende nicht mehr Organe gespendet werden.
Interessanterweise hält er gerade die sogenannte Widerspruchslösung für den besten Schritt nach vorn. Man könnte meinen, das kratze an der Selbstbestimmung, aber Schwartze widerspricht dem dezidiert: Niemand wird gezwungen, man kann jederzeit Nein sagen, und das wird akzeptiert. Der Bundesärztekammer-Chef Reinhardt springt ihm zur Seite und macht einen zusätzlichen Aspekt auf: Die anhaltende Lücke zwischen guter Grundstimmung zur Organspende und tatsächlicher Spendenbereitschaft sei nur mit klareren Spielregeln zu schließen.
Ärzte sind mitunter ratlos, weil es selten eindeutige Willenserklärungen gibt. Da schaffen klare, einfach nachvollziehbare Regeln Erleichterung – nicht nur für Mediziner, sondern vor allem für Angehörige, die im Ernstfall ohnehin schon genug durchmachen. Interessanter Nebenaspekt: Die Widerspruchslösung gilt in vielen europäischen Ländern längst als Standard, und dort sind die Spenderzahlen oft deutlich höher.
Am Donnerstag also beginnt im Bundestag neuerlich das Ringen um die passende Regelung. Der Vorstoß zur Widerspruchslösung ist nicht neu – das Thema kreist wie ein alter Satellit um das Parlament, 2020 ist es einmal gescheitert. Im Moment entscheidet in Deutschland wer ausdrücklich zustimmt oder – in Ermangelung – dessen Angehörige. Mehr als 8.000 Menschen warten derweil sehnsüchtig auf ein Organ. Die Zahl der Spender stagniert, neuere Zahlen sprechen von 985 im gesamten Bundesgebiet vergangenes Jahr. Das ist, angesichts der Bedarfe, kaum zu fassen.
Die Diskussion über die Widerspruchslösung zur Organspende erhält neuen Schwung, nachdem klar wurde, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, um Engpässe bei Transplantaten zu beheben. Experten wie Stefan Schwartze und die Bundesärztekammer argumentieren, die Widerspruchslösung stelle eine bessere Balance zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung dar. In anderen europäischen Ländern habe sich das Konzept als wirksames Mittel zur Steigerung der Organspendebereitschaft bewährt.
Online und in den großen Tageszeitungen wird zunehmend auf den europäischen Vergleich verwiesen: Länder wie Spanien oder Österreich haben mithilfe der Widerspruchslösung markant höhere Spenderzahlen. Kritiker sorgen sich jedoch weiterhin um Persönlichkeitsrechte und fordern umfassende Informationskampagnen, die auch über mögliche Missverständnisse aufklären. In den vergangenen Tagen berichten viele Medien, dass sich im Bundestag breite parteiübergreifende Allianzen für einen Gesetzesentwurf bilden. Eine Entscheidung wird noch in dieser Legislaturperiode erwartet.