Manchmal hat man als Beobachter das unfaire Gefühl, dass unternehmerische Erfolgsgeschichten ziemlich schnell kippen können – zulasten derer, die den Karren am Laufen gehalten haben. Zalando, dank millionenschwerer Förderung in Erfurt groß geworden, will nun 2.700 Menschen auf einen Schlag vor die Tür setzen. Ausgerechnet dort, wo das Startup aus Berlin mit dem Ziel gestartet war, die ganze Republik (und später darüber hinaus) mit Schuhen und Mode zu versorgen. Ramelow betont, wie viel Herzblut und Steuergeld in den Standort geflossen ist, nicht nur von ihm selbst, sondern auch von den Menschen vor Ort. Er erinnert sich daran, wie wichtig der Aufbau eines Betriebsrats in Erfurt war – mit all den Mühen und Umwegen, begleitet von ersten beachtlichen Warnstreiks. Gerade als die Bewegung für mehr Mitbestimmung und faire Löhne in Fahrt kam, zog der Konzern abrupt die Reißleine. Wie ein plötzlicher Regenguss auf einer Grillparty.
Diese Art und Weise – Gewinne abschöpfen, verlässliche Arbeitsplätze kappen, und das nach Verdrängung der Konkurrenz – bringt Ramelow auf, der diese „brutale“ Form des Wirtschaftens als Raubtierverhalten bezeichnet. Er fordert, dass Landes- und Bundesregierung jetzt Haltung zeigen und Druck ausüben. Parallel dazu verlangt Linken-Chefin Ines Schwerdtner, dass die Millionen an Subventionen, die Zalando einst für den Standort kassiert hat, wenigstens als Entschädigung bei den Mitarbeitern ankommen – aus Respekt, wie sie betont. Außerdem will sie, dass solche Subventionszahlungen künftig an härtere Bedingungen geknüpft werden: Wer nach kurzer Zeit wieder dichtmacht oder Profit über Arbeitsplätze stellt, soll das öffentliche Geld gefälligst zurückzahlen müssen. Dass ein Unternehmen wie Zalando trotz Übergewinnen einfach so den Rotstift ansetzt, das klingt für sie nach dem hässlichen Gesicht einer auf Effizienz getrimmten Wirtschaft. Und irgendwie fragt man sich: Wo bleibt da eigentlich der Anstand? Oder ist das nur so eine altmodische Sehnsucht nach Gerechtigkeit?
Im Kern geht es in diesem Streit um mehrere Missstände: Subventionen aus Steuergeldern fließen in Unternehmen, die sich bei erstbester Gelegenheit aus dem Staub machen und Arbeitsplätze vernichten – nicht selten auf dem Rücken engagierter Belegschaften. Ramelow und die Linke machen klar, dass der „Kollateralschaden“ in Erfurt eine Spirale noch größerer Unsicherheit in der Region nach sich ziehen dürfte. Nicht zuletzt steht Zalando mit dieser Vorgehensweise beispielhaft für eine Wirtschaftsweise, in der soziale Verantwortung regelmäßig zu kurz kommt und der Rechtsanspruch auf Mitbestimmung der Mitarbeitenden noch immer eher Stolperstein als Selbstverständlichkeit ist.
Aktuell heizen diese Entwicklungen auch die politische Diskussion neu an: Laut Berichten von taz und Süddeutscher Zeitung werden die Stimmen lauter, die mehr Transparenz und Rückzahlungspflichten fordern. Unabhängig davon zweifeln manche Experten in aktuellen Leitartikeln, ob derartige Appelle allein die große Umwälzung bringen. Immerhin hat Zalando zuletzt trotz schwieriger Marktlage satte Gewinne eingefahren – und der Ruf nach mehr sozialer Verpflichtung im Wirtschaftsgeschehen dürfte so schnell nicht verhallen.