Die Studie, durchgeführt in Zusammenarbeit von Coface und dem Observatoire des Emplois Menacés et Émergents (OEM), geht ungewöhnlich detailliert vor: Nicht Berufe als Ganzes, sondern einzelne Arbeitsschritte wurden separat bewertet – fast schon Mikroskoparbeit. So lässt sich viel genauer abschätzen, wie automatisierbar ein Beruf tatsächlich ist. Das Team hat fast 30 Länder durchleuchtet und international verglichen. Interessant dabei: Nicht die Frage, wie viele Jobs wirklich wegfallen, stand im Vordergrund, sondern vielmehr, was technisch mittlerweile machbar wäre.
Disruptive KI – statt Schraubenzieher jetzt Zahlenakrobatik im Visier
Die Auswertung zeigt: KI zielt nun immer öfter auf Denkarbeit statt auf Handwerk. Frühere Automatisierungswellen verdrängten die Hände aus Fabrikhallen und einfache Büroabläufe – jetzt geraten komplexe Analyse-, Planungs- oder Kreativjobs ins Visier. KI-Systeme sind heute schon imstande, Aufgaben wie Vertragsanalysen, Dateninterpretationen oder sogar kreative Textproduktion nahezu eigenständig auszuführen. IngenieurInnen, IT-Fachleute, JuristInnen oder FinanzexpertInnen werden sich also auf viel Veränderung einstellen müssen. Umgekehrt gelten handwerkliche Berufe, Pflege, Gastro oder alles, was zwischen Menschen und nicht vor Bildschirmen passiert, als relativ resistant gegen KI.
Deutschlands KI-Risiko – Das Industrieerbe als Hypothek?
Im internationalen Vergleich fällt Deutschland mit 17 Prozent potenziell automatisierbarer Tätigkeit klar auf – höher als der Europadurchschnitt, aber noch hinter Ländern wie Großbritannien. Grund ist die Wirtschaftsstruktur: Hochindustrie, Technik, Forschung und Verwaltung bringen eine Fülle von Organisations- und Kopfarbeit mit sich, die nun ins KI-Scheinwerferlicht rückt. Dennoch, so die Studie, steht Deutschland nicht ganz an vorderster Front der KI-getriebenen Risiken, weil der Sektor für Management- oder reine IT-Dienstleistungen hierzulande kleiner ist als anderswo.
Neue Herausforderungen für Wertschöpfung, Bildung und internationale Abhängigkeiten
Gut bezahlte Jobs geraten zunehmend unter Druck. Das könnte bestehende soziale Gleichgewichte kräftig durcheinanderwirbeln und steckerfertige Wertschöpfungsketten begünstigen, bei denen menschliche Arbeit weniger gefragt ist. Für Staaten, die viel über Arbeit besteuern, wird das zur Herausforderung. Gleichzeitig müssen Bildung und Weiterbildung neu gedacht werden: statt klassischer Abschlüsse werden Kompetenzen wie kritisches Denken und der kreative KI-Umgang gefragt sein.
Doch damit nicht genug: Mit Konzentration auf einige globale Tech-Player (Datencenter, Chip-Produzenten…) entstehen zusätzlich neue geopolitische Risiken und Abhängigkeiten – Lieferengpässe, Exportstopps oder veränderte Regulierung können ganze Wertschöpfungsketten ins Wanken bringen. Fazit: Chancen gibt’s gewaltige, aber die Fallstricke sind nicht weniger zahlreich.
Mehr zur Studie auf der offiziellen Webseite:
www.coface.de.
Informationen zum Coface-Kongress und Anmeldung:
www.cofacekongress.de.
Die Coface-Studie beleuchtet die veränderte Automatisierbarkeit von Berufen durch den rasanten Fortschritt generativer KI – erstmals sind nicht nur einfache Tätigkeiten, sondern zunehmend hochqualifizierte Fachkräfte betroffen. Besonders in Deutschland, einem Land mit starker Industriebasis, geraten gerade informations- und analyselastige Jobs unter Druck. Expert:innen heben hervor, wie dringend neue Bildungsstrategien gebraucht werden: Neben technischem Know-how werden zukünftig vor allem flexible, kreative und menschliche Kompetenzen gefragt sein.
Ergänzend dazu fanden sich weitere aktuelle Perspektiven: In einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird herausgestellt, dass deutsche Unternehmen bereits verstärkt in KI-Technologien investieren und erste Pilotprojekte nicht selten Arbeitsumverteilungen nach sich ziehen. Ein Bericht auf Süddeutsche.de verweist auf wachsende Unsicherheiten bei gut ausgebildeten Arbeitnehmer:innen hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft und weist darauf hin, dass Weiterbildungsprogramme für KI-Kompetenzen zwar verstärkt angeboten, aber noch unzureichend angenommen werden. Auf Spiegel.de wird betont, dass Regierungsstellen und Bildungseinrichtungen in Europa zunehmend daran arbeiten, ethische und rechtliche Richtlinien für KI-Einsatz zu etablieren – die soziale Akzeptanz und ein fairer Zugang zu neuen Technologien seien dabei zentrale Anliegen.