KI in Unternehmen: Vom Höhenflug zum nüchternen Arbeitsalltag – Warum Führungskräfte jetzt neue Prioritäten setzen

Der Hype um Künstliche Intelligenz ist in deutschen Unternehmen inzwischen Alltag geworden: Entscheider verlassen das Stadium der Schwärmerei und richten ihren Blick vermehrt auf nachhaltige Strategien mit echtem Nutzen. Zwei aktuelle Capgemini-Studien zeigen, wie KI zunehmend systematisch das Management beeinflusst und warum der Fokus auf klare Prozesse, Datenhoheit und menschlich-maschinelle Zusammenarbeit wichtiger wird als je zuvor.

19.01.26 14:32 Uhr | 3 mal gelesen

Wer in den letzten Monaten in Führungsetagen großer Unternehmen hineingehorcht hat, merkt schnell: Die KI-Revolution ist zwar keine Schlagzeilen-Garantie mehr, aber keineswegs abgeflaut. Die frischen Ergebnisse aus Capgeminis Studie "The multi-year AI advantage: Building the enterprise of tomorrow" lassen aufhorchen – 38 Prozent der befragten Konzerne setzen bereits praktische KI-Anwendungsfälle ein. In China ist man mal wieder einen Schritt voraus: Dort experimentieren oder implementieren fast die Hälfte der Unternehmen sogenannte agentische KI, gefolgt von den USA und Europa, die ein wenig hinterherschlurfen.

Interessant: Früher stand Effizienz um jeden Preis im Vordergrund. Heute zählen neue Maßstäbe wie Umsatzsteigerung, Risikochecks, gezieltes Wissensmanagement und ein besseres Kundenerlebnis. Über die Hälfte der Unternehmen will zudem sensible Unternehmensdaten künftig lieber selbst unter Verschluss halten. Zugegeben, das war auch überfällig.

Aus Euphorie wird Pragmatik

Die Zeiten des Rumprobierens in Sachen KI scheinen vorbei – das Spielfeld ist jetzt so etwas wie die Bundesliga des KI-Umgangs. Fast zwei Drittel stoppen daher wenig sinnvolle Projekte und investieren gezielt in Bereiche, wo Erfolg realistischer winkt. Im Klartext: Für 2026 planen Unternehmen, durchschnittlich fünf Prozent ihres Budgets (2025 sind es noch drei Prozent) in KI fließen zu lassen – ein satter Anstieg. Talente fördern, Daten sauber aufbereiten und die technische Infrastruktur fit machen hat für viele höchste Priorität.

"Die Hands-On-Stimmung setzt sich durch. Es reicht nicht mehr, Showcases zu basteln. Jetzt zählt nachhaltige Integration von KI ins Alltagsgeschäft – und das funktioniert, wenn Grundlagen wie Datenqualität, Governance und Zusammenarbeit stimmen", sagt Felizitas Graeber, Chefin von Capgemini Invent in Deutschland. "Die Debatte ist vorbei, ob KI kommt – sie IST da. Jetzt müssen Chefs Verantwortung für echte Ergebnisse übernehmen. Ob das überall klappt? Abwarten."

Entscheidungen bekommen KI als Copilot

Ein weiterer Lichtkegel aus der Capgemini-Recherche: Von 500 Top-Managern, darunter 100 CEOs, nutzen mehr als die Hälfte KI bereits aktiv für strategische Entscheidungen. Und der Anteil dürfte wachsen. Interessanter Nebeneffekt: KI hilft derzeit vor allem bei Mailverkehr, Dokumentation und Recherche, soll aber immer mehr strategischen Weitblick liefern. Die Aussicht: KI wird nicht zum Boss, sondern zum diskreten Sparringspartner – selbst in absehbarer Zukunft meint nur ein Prozent der Chefs, dass KI einmal alleinige Management-Entscheidungen treffen wird.

Trotzdem bleiben Restrisiken. Viele Führungskräfte sind bei der öffentlichen Kommunikation vorsichtig, weil Fehlentscheidungen mit KI gern zur Imageschädigung führen können. Nur elf Prozent holen das Thema in die große Öffentlichkeit – der Rest agiert zurückhaltend. Datenschutz, Nachvollziehbarkeit von KI-Schlüssen und rechtliche Unsicherheiten sind Hürden, vor denen niemand einfach weglächelt.

Was steckt hinter den Zahlen?

Befragt wurden jeweils Führungskräfte aus Milliarden-Unternehmen in Amerika, Europa, Asien und Lateinamerika. Die KI steckt dort längst im Getriebe des Geschäfts, der Wandel ist nicht mehr Zukunftsmusik. Und anders als einst gedacht, geht es dabei immer weniger um glitzernde Technik – sondern um die Kunst, Mensch und Maschine klug zu verbinden, ohne den gesunden Menschenverstand auszuklammern.

Mehr Details zu den Studien bei Capgemini: The multi-year AI advantage und How AI is quietly reshaping executive decisions.

Die intensive KI-Begeisterung in Unternehmen weicht zunehmend einer sachlichen, zielorientierten Herangehensweise: Laut Capgemini sind praktisch relevante KI-Anwendungen auf dem Vormarsch und das Management setzt seinen Fokus immer stärker auf Wertschöpfung statt Tech-Spielereien. Wesentliche Themen bleiben Datenhoheit, Governance, Talentförderung und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Automatisierung und menschlicher Kontrolle. Während Entscheidungsprozesse bereits heute häufig KI-gestützt ablaufen, bleibt klar, dass KI menschliches Urteilsvermögen nicht ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt. Ergänzend dazu berichten aktuelle Pressestimmen (FAZ, SZ, Zeit), dass Unternehmen und Verwaltungen aufgrund regulatorischer Unsicherheiten und technischer Herausforderungen Weiterbildungen verstärken, aber auch die Risiken von KI-Anwendungen und die Notwendigkeit gesellschaftlicher Kontrolle betonen. Neue Entwicklungen, etwa eine EU-Befragung zur Wirkung von KI-Richtlinien und eine wachsende Debatte zur Fairness und Transparenz von Algorithmen, belegen, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung längst mit dem Geschäftsalltag Schritt hält.

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