„Vier Finger“ stürzt den Zuschauer gleich zu Beginn in eine Nacht voller Fragen: Anja Winkler (gespielt von Anne Ratte-Polle), einst Kellnerin, glaubt, einen Mann aus ihrer Vergangenheit erkannt zu haben – Navid Hosseini. Der Name ist für Kenner ein alter Fall voller Schatten: eine Explosion im Café Hajduk Ende der 90er, sechs Tote, die Polizei damals mit Drogenmilieu und Mafia schnell abgestempelt hatte. Doch nun, Jahrzehnte später, öffnen sich neue Türen. Sandra Schatz, Kommissarin mit viel Bauchgefühl, hebt die Akte wieder auf den Tisch und bittet Maryam Azadi und Hamza Kulina, genauer hinzuschauen. Der vermeintliche Mafiakrieg entpuppt sich als politisch motivierter Anschlag gegen Oppositionelle aus dem Iran. Die Rolle der Ermittlerin Maryam ist dabei doppelt tragend: Sie kämpft nicht nur für Gerechtigkeit, sondern auch mit einer eigenen Schuld, weil sie Beziehungsgespinste keck zu den Opfern webte. Fast so, als würde sie vom Gespenst ihrer Vergangenheit selbst angetrieben, lockt sie den Tatverdächtigen durch einen riskanten Plan zurück nach Deutschland. Neben den Hauptdarstellern glänzen weitere Gesichter aus Film und Fernsehen, und das Drehbuch schöpft aus echten menschlichen Konflikten, Abgründen und moralischer Zerrissenheit.
„Nebel“ geht sogar noch weiter zurück: 1987, pulsierende Clubatmosphäre, dann Schüsse – ein Massaker im Schwulenclub „Rodeo“, das fünf Männern das Leben kostete. Jahre später meldet sich die Vergangenheit eindringlich zurück: Gerhard Schatz, inzwischen gezeichnet von Demenz, ringt um Vergebung, murmelt von „Michel“ und „Rodeo“. Seine Frau Ingrid, ratlos und voller Sorge, bittet ihre Nichte Sandra um Hilfe, wodurch das Ermittlerteam erneut in einen Altfall eintaucht. Die Wahrheit ist ihrer Zeit voraus und macht aus dem scheinbar gelösten Fall ein Puzzle aus Liebestragödie, verdrängten Schuldgefühlen und möglicherweise fatalen Fehlurteilen. Auch hier führen viele Fäden zusammen, unterstützt von dichten Drehbuchtexten und subtilen schauspielerischen Leistungen.
Das Frankfurter Tatort-Duo Foroutan und Hasanovic bekommt mit den neuen Episoden 'Vier Finger' und 'Nebel' komplexe, politisch und emotional aufgeladene Fälle serviert. Das eine Mal geht es um einen jahrzehntealten Anschlag, in dem die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen, das andere Mal um einen Club, dessen blutige Vergangenheit nicht totzukriegen ist. Die Produktion ist prominent besetzt, die Themen reichen von Schuld, Moral bis hin zu politischen Verstrickungen – der neue Frankfurter Tatort will sich offenbar sowohl an klassischen Krimiplots als auch an gesellschaftlicher Tiefe messen lassen.
Aktuelle Recherchen zeigen, dass die Vorfreude auf die neuen Tatorte groß ist: In mehreren deutschen Medien wird diskutiert, wie der Tatort gegenwärtig gesellschaftliche Blinden Flecke thematisiert und das Ermittlerteam an der Glaubwürdigkeit der ‚modernen Großstadt‘ misst (vgl. taz.de, zeit.de). Außerdem wurde jüngst bekannt, dass HR mit diesen Drehbüchern ein gewagtes politisches Thema aufnimmt und das Ermittlerpaar Foroutan/Hasanovic laut hr besonders diverse Perspektiven abbildet. Während die ARD auf eine Modernisierung und einen Perspektivwechsel bei den Krimi-Formaten setzt, bleibt der gesellschaftliche Rückhalt stabil, was sich auch in hohen Einschaltquoten der letzten Jahre widerspiegelt.