Carl Benedikt Frey, der sich längst einen Namen als Arbeitsmarktforscher an der Universität Oxford gemacht hat, sieht im Siegeszug der Künstlichen Intelligenz eine ziemlich unbequeme Wahrheit – nicht unbedingt Maschinen, sondern Menschen aus Ländern mit niedrigeren Löhnen könnten in Zukunft immer häufiger unsere Jobs übernehmen. 'Wir werden erleben, dass deutlich mehr solcher Tätigkeiten in Länder mit geringeren Lohnkosten verschoben werden – Jobverlagerung wird der neue Standard', meint er im Gespräch mit der ZEIT. Die Hürde, zum Beispiel in der Wissensarbeit mitzumischen, sinkt durch KI immens: Plötzlich können beinahe alle – ob Berufseinsteiger oder Hilfskraft – produktiv mitmischen und aus jeder Ecke der Welt ihre Dienste anbieten. Wer seinen Laptop in Manila aufklappt, ist für ein deutsches Unternehmen faktisch genauso erreichbar wie jemand im Kölner Altbau – nur eben deutlich günstiger. Das fühlt sich, ehrlich gesagt, an wie eine Entlassung durch die Hintertür. Frey, dessen einflussreiche Studie von 2013 die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt schon voraussah, bringt es auf den Punkt: Es ist nicht immer der Roboter, der den Arbeitsplatz wegnimmt – manchmal ist es schlicht ein Mensch, der dank KI plötzlich mitzieht.
Frey betont, dass KI insbesondere weniger qualifizierten Arbeitskräften neue Chancen eröffnet, da sie durch die Technologie produktiver und global einsetzbar werden. Der eigentliche Umbruch bestehe darin, dass diese Entwicklungen die Wissensarbeit nicht automatisieren, sondern mobil und international verfügbar machen – Arbeitsplätze wandern von teuren Industrieländern in günstigere Regionen, was für viele wie ein schleichender Verlust wirkt. Jüngste Debatten greifen diese Bedenken auf, denn Studien zeigen, dass technologische Innovationen Arbeitsmärkte zwar verändern, aber auch bestehende Ungleichheiten verstärken können – Länder mit Steuervorteilen oder besserer digitaler Infrastruktur profitieren überproportional.