Späterer Ruhestand: Wachstumsschub für die Wirtschaft?

Ein Renteneintrittsalter von 70 Jahren könnte der deutschen Wirtschaft kräftig Auftrieb geben – aber nur, wenn die Gesundheit mitspielt.

heute 01:02 Uhr | 4 mal gelesen

Manchmal offenbaren Zahlen, was eine politische Debatte so nie auszusprechen wagt: Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hat sich, pünktlich zur anhaltenden Rentendiskussion, ausgerechnet, was ein Renteneintritt mit 70 volkswirtschaftlich bedeuten könnte. Grundlage sind, wie soll’s auch anders sein, Menschen, die gesundheitlich fit genug bleiben, um nicht nur länger zu arbeiten – sondern das auch wirklich zu wollen. Die Studie wird gerade durch die Presse gereicht, während die Alterssicherungskommission ihre – vorsichtig gesagt, kontrovers aufgenommenen – Vorschläge zur Koppelung des Rentenalters an die Lebenserwartung auf den Tisch legt. Heißt übersetzt: Rente erst später und dann Stück für Stück immer später, wobei Gesundheit, sinnvollerweise, immer mehr zum Knackpunkt wird. Die Kernaussage der VFA-Rechnung liest sich erst einmal wie ein Versprechen: Bis zu 106 Milliarden Euro jährlich könnte das Bruttoinlandsprodukt wachsen, gäbe es plötzlich massenhaft springlebendige 66- bis 69-Jährige, die weiter schuften. Das entspräche fast 800.000 zusätzlichen Vollzeitjobs, vorausgesetzt, die Produktivität stimmt. Staat und Sozialkassen würden, rein rechnerisch, ebenfalls kräftig profitieren– mit zusätzlichen Einnahmen von mehr als 40 Milliarden Euro. Aber: Die Modellrechnung nennt das absolute Maximum, und der Realitätssinn gebietet, die Latte erst mal ein paar Zentimeter tiefer zu hängen. VFA-Präsident Han Steutel warnt, nicht allein auf die höhere Altersgrenze zu setzen. Klartext: Mit kranken oder gesundheitlich ausgebrannten Menschen lässt sich selbst bei den besten Rentenplänen kein Wachstum heraufbeschwören. Prävention, medizinischer Fortschritt, ganz vorne Rehabilitation – nur so bleibt das Arbeitskräfte-Potenzial auch im Alter nutzbar. Überraschend ist das nicht, eher erstaunlich ist, dass Renten- und Gesundheitspolitik weiterhin fast nebeneinander herlaufen, anstatt gemeinsam zu denken. Ein interessanter Nebensatz aus den Berechnungen: Verbessert sich der Gesundheitszustand der 55- bis 65-Jährigen für vier Jahre, ließen sich sogar weitere zehn Milliarden Euro BIP herauskitzeln. Also: Mehr Impfen, mehr chronisch Kranke gut versorgen und Fehlzeiten senken – das ist fast ebenso wirtschaftlich relevant wie die Höhe der Beitragssätze. Für Steutel ist damit klar: „Gesundheitspolitik ist in einer alternden Gesellschaft stets auch Wirtschaftspolitik“ – eine Feststellung, der schwer zu widersprechen ist, auch wenn sie zuletzt ein wenig zu oft einfach nur angehängt wurde.

Eine neuere VFA-Analyse belebt die Debatte um das Renteneintrittsalter mit der Behauptung, ein Anstieg auf 70 Jahre könnte das BIP um bis zu 106 Milliarden Euro jährlich heben, wenn genug Menschen länger gesund und motiviert erwerbstätig bleiben. Entscheidend ist dabei, so betonen Fachleute, weniger das formale Eintrittsalter als die tatsächliche Arbeits- und Erwerbsfähigkeit im Alter – was umfassende Investitionen in Gesundheitsprävention, Rehabilitation sowie Arbeitsbedingungen bedingt. Gleichzeitig machen aktuelle Diskussionen rund um die Rentenkommission deutlich, dass eine alleinige Anhebung des Rentenalters nicht alle Probleme des Sozialsystems löst und auch gesellschaftliche Akzeptanz und faire Verteilung der Belastungen zentral bleiben. In mehreren jüngeren Medienberichten wird zudem erwähnt, dass verschiedene EU-Länder bereits ähnliche Reformen diskutieren oder stufenweise umsetzen, was zu einer europaweiten Angleichung der Altersgrenzen führen könnte. Experten betonen, dass Berufsfelder, in denen körperliche Belastung eine größere Rolle spielt, gesonderte Lösungen verdienen, damit längere Lebensarbeitszeit nicht zu sozialer Ungleichheit führt. Auch der gesellschaftliche Wert von Teilzeitoptionen, flexiblen Übergängen und Maßnahmen zur Bekämpfung von Altersdiskriminierung wird in der aktuellen Berichterstattung immer wieder hervorgehoben.

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