Mehr als ein Hunger nach Schönheit: Essstörungen verstehen jenseits von Stereotypen

Ottikon b. Kemptthal – Öffentliche Worte über Essstörungen zerreißen oft ein doppeltes Schweigen: Jenes über ungelöste innere Nöte und das Tabu der Krankheit selbst. Essstörungen – etwa Bulimie oder Magersucht – sind im Alltag allgegenwärtig, werden aber erstaunlich selten beim Namen genannt. Hinter Esskontrolle steckt weit mehr als bloßes Streben nach äußerer Schönheit: Es ist meist das verkleidete Verlangen nach Sicherheit, Anerkennung und echter Selbstbestimmung.

heute 09:05 Uhr | 3 mal gelesen

Wer jemals gegen den dunklen Sog einer Essstörung gekämpft hat, weiß: Das eigentliche Gefängnis entsteht nicht im Körper, sondern oft im Kopf. Andrea Amman, die diese Schatten aus ihrer eigenen Vergangenheit kennt und heute andere Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst begleitet, betont: "Das Schweigen wiegt schwerer als jedes äußere Kleid." Viele Ratgeber und Medien starren auf Kalorienzählen und Schönheitswahn. Aber eigentlich geht es um verwundete Seelen, um Menschen, die sich in einer lauten, überfordernden Welt verlieren. Häufig sind es sensible Frauen, die an den Erwartungen anderer und an sich selbst zerbrechen – und Kontrolle über ihr Essverhalten als Kompass im emotionsgeladenen Durcheinander suchen. Davor steht oft der kindliche Versuch, Unsichtbares fühlbar zu machen: Wer Hunger unterdrückt, will manchmal einfach gar nichts mehr fühlen. Doch aus dem Trost wird mit der Zeit eine Kette; Essen oder Nichtessen wird zur heimlichen Droge, die alle anderen Bedürfnisse verschüttet. Statt fürsorglich mit sich umzugehen, entfernen sich Betroffene immer mehr vom eigenen Körper. Besonders fatal: Nach außen geben sich viele perfekt und leistungsstark, während im Inneren Schuld und Scham toben – und das gesellschaftliche Missverständnis, Essstörungen seien bloß eine Frage des Willens oder der Disziplin, verstärkt die Isolation. Die allgegenwärtigen Bilder in sozialen Medien sind wie ein dauerndes Hintergrundrauschen und greifen gerade bei Jugendlichen tief ins Selbstwertgefühl. Reinszenierte Perfektion, Filter und Likes: Wer sich nur noch über Bewertungen definiert, findet keinen echten Halt mehr in sich selbst. Immer restriktivere Pläne – oft ganz harmlos mit einer Diät beginnend – werden im Laufe der Zeit zu einem starren Gerüst, das echten Bedürfnissen keinen Raum mehr lässt. Die wirkliche Erholung, sagt Amman, beginnt erst, wenn das Schweigen gebrochen wird. Offenheit, ehrliche Gespräche und Unterstützung statt Bewertung schaffen einen neuen, sicheren Raum. Dann zeigt sich: Der eigentliche Schlüssel zur Heilung steckt nicht im nächsten Ernährungstrend, sondern im respektvollen, zugewandten Blick auf die innere Not. Amman weiß, wovon sie spricht – fast zwei Jahrzehnte Bulimie liegen hinter ihr. Heute coacht sie Frauen zurück zu ihrem eigenen Körpergefühl: mit einer Mischung aus Übungen, Gesprächen und – das ist vielleicht überraschend – manchmal auch Momenten der Leichtigkeit. Die Heilung beginnt, wo die Scham zu bröckeln und Selbstfürsorge wachsen kann.

Essstörungen sind vielschichtige psychosomatische Erkrankungen, die weit über das Streben nach Idealfiguren hinausgehen. Neueste Studien zeigen, dass sowohl genetische Faktoren als auch Umwelteinflüsse – inklusive sozialer Medien, familiärer Dynamik und gesellschaftlichem Druck – die Entstehung und Aufrechterhaltung solcher Störungsbilder begünstigen. Therapieangebote reichen heute von klassischen psychotherapeutischen Ansätzen bis hin zu Online-Beratungen, Selbsthilfegruppen und innovativen Peer-Projekten, wobei viele Expert*innen betonen, dass der offene Austausch und die Enttabuisierung zentral für den Heilungsprozess sind; dies unterstreichen auch aktuelle Berichte und Diskussionen zu Schönheitsnormen im Zusammenhang mit mentaler Gesundheit und Essverhalten.

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